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Herzinfarkt und Schlaganfall: Timen Sie Ihr Leben nach der „inneren Uhr“!
Herzinfarkte und Schlaganfälle ereignen sich mit Vorliebe zwischen acht und elf Uhr morgens, genau dann, wenn der Biorhythmus den Blutdruck und damit das Risiko steigen lässt. Wer sich aber auf seine „innere Uhr“ einstellt, kann Gesundheitsrisiken vermindern, denn auch über die Wirkung eines Medikaments entscheidet der Biorhythmus mit.

Innerer Rhythmus

Frauen kennen den Menstruationszyklus, der einen Rhythmus von etwa 28 Tagen hat. Aber praktisch alle unsere Körperfunktionen unterliegen einem inneren Zeitplan. Am vertrautesten ist uns der Tag-Nacht-Rhythmus, der uns abends müde werden lässt und uns morgens pünktlich aufweckt. Bei manchen Menschen klappt der Rhythmus sogar so gut, dass sie jeden Morgen schon zwei Minuten vor dem Bimmeln ihres Weckers aufwachen. Hinter diesem allmorgendlichen Phänomen steckt die von Hormonen gesteuerte „innere Uhr“, die für den Rhythmus des menschlichen Körpers sorgt.

Zwar ist aufgrund von Stress im Büro, abendlicher Aktivität oder den eingenommenen Mahlzeiten nicht jeder abends sofort müde, doch wenn wegen allzu schummriger Beleuchtung der Körper das Müdemacher-Hormon Melatonin ausschüttet, kann kaum jemand das Gähnen unterdrücken. Natürlich hat jeder Mensch andere Gewohnheiten, die schon von der Arbeitszeit oder der familiären Situation abhängen. Ebenso gibt es Nachtschwärmer und Frühaufsteher, doch bleibt der Rhythmus eines Menschen im Großen und Ganzen immer der gleiche.

Wissenschaftler haben die innere Uhr längst lokalisiert. Sie sitzt im Gehirn und besteht aus zwei stecknadelkopfkleinen Ansammlungen von Nervenzellen. Diese Zellen überwachen, wie viel Licht auf die Augen trifft, und passen unsere Körpertemperatur, Hormonausschüttung und die Stoffwechselgeschwindigkeit daran an. Die Kenntnis um die einzelnen Biorhythmen des Körpers kann in den verschiedensten Bereichen des Alltags genutzt werden.

Der nächste Zahnarzttermin ist um 14 Uhr!

Um die Mittagszeit kann ein Zahnarzt-Patient eine optimale Wirkung der lokalen Betäubung erwarten. Rheumaschmerzen melden sich morgens besonders heftig, für die Einnahme von Medikamenten ist es dann zu spät. Asthmatiker müssen mitten in der Nacht besonders häufig mit plötzlichen Anfällen rechnen. Medikamente am Abend schützen sie daher am besten vor Attacken.

Am Morgen ist der Blutdruck spitze

Auch der Blutdruck hat seine innere Uhr bzw. seinen Rhythmus. Der „menschliche Bio-Wecker“ jagt die Werte hoch. War er während des Schlafens auf Sparflamme gesunken, so steigt er morgens nach dem Aufstehen deutlich an. In der Mittagszeit erlebt der Blutdruck ein leichtes Tief, dem abends ein zweites Hoch folgt. Aber gerade nach dem Erwachen arbeitet der Kreislauf auf Hochtouren und sorgt für eine verstärkte Ausschüttung von den Hormonen Adrenalin, Noradrenalin sowie den Katechol-Aminen. Daher spielt der Kreislauf am Morgen häufig verrückt. Wie ein angeknackster Motor kann ein vorgeschädigtes Herz-Kreislauf-System unter dieser plötzlich gewachsenen Belastung am Morgen schlappmachen.

So ereignen sich Herzinfarkte und Schlaganfälle morgens um neun Uhr zweimal so häufig wie abends um 23 Uhr. Eine gezielt abgestimmte medikamentöse Behandlung kann den Rhythmus der inneren Uhr austricksen, vor Blutdruckreaktionen schützen und so die Gefahren für den Herzkranken mildern. Auch Patienten mit Angina pectoris wird die Einnahme ihrer Medikamente zeitlich so verordnet, dass sie in den Vormittagsstunden vor einer zu hohen Belastung des Herz-Kreislauf-Systems geschützt sind. Beginnen Sie – auch wenn Sie glauben, top-fit zu sein - den Tag eher langsam, und verlegen Sie körperliche Anstrengungen lieber auf den Abend, um morgendliche Blutdruckspitzen zu vermeiden.

Abends wird der Magen sauer – Arznei-Timing ist ratsam

Der Magen produziert abends wesentlich mehr Säure als morgens und unterliegt somit ebenfalls einer ausgeprägten Tagesrhythmik. Medikamente gegen eine Überproduktion an Magensäure sollten daher am besten abends nach der letzten Mahlzeit eingenommen werden. Aber nicht nur auf die Wirksamkeit säurehemmender Medikamente für den Magen hat die Einnahme vor oder nach den Mahlzeiten Einfluss. Auf nüchternen Magen nimmt der Körper Arzneimittel in der Regel rascher auf und führt sie schneller den Stellen zu, an denen sie wirken sollen.

So tickt Ihre „innere Uhr“:

4-5 Uhr
80 Prozent aller Asthma-Anfälle treten jetzt auf. Nehmen Sie daher Ihre Asthma- Medikamente abends vor dem Zubettgehen ein.

Ab 6 Uhr
Aufwachzeit: Der Körper erhält Startsignale. Es werden Hormone ausgeschüttet, die Herzschlag und Blutdruck erhöhen.

8-10 Uhr
Jetzt droht Migräne-Patienten verstärkt Gefahr. Wenn, dann brauchen Sie Ihre Medikamente jetzt.

12-13 Uhr
Zeit für eine Mittagspause. Die Körpertemperatur ist jetzt am höchsten. Der Blutdruck erlebt ein leichtes Tief.

13-15 Uhr
Vereinbaren Sie Ihren Zahnarzttermin um diese Uhrzeit, denn das Schmerzempfinden ist herabgesetzt. Der Körper produziert jetzt mehr Endorphine, Betäubungsmittel wirken jetzt besonders gut.

16-19 Uhr
Die Leberdurchblutung ist jetzt sehr gering. Folglich braucht das Organ länger, um beispielsweise Alkohol abzubauen. Also verzichten Sie besser auf den Feierabend-Cocktail!

19-20 Uhr
Medikamente gegen Magenübersäuerung jetzt einnehmen. Die Säureproduktion ist nachts am höchsten. Auch Heuschnupfen und Rheumapräparate werden jetzt eingenommen.

22-1 Uhr
Einschlafzeit: Die Produktion von Adrenalin lässt nach. Anders bei „Nacht-Menschen“: Sie erleben jetzt noch einmal ein Leistungshoch, weil bei ihnen die Hormonausschüttung etwa um drei Stunden verschoben ist.

Achten Sie auf Ihren Biorhythmus

Ständig gegen die innere Uhr zu leben, birgt ein ernsthaftes Krankheitsrisiko. Schlaf- und Verdauungsstörungen sowie Depressionen sind häufig die Folge. Wenn bei langen Flugreisen in andere Zeitzonen die gewohnte Tag-Nacht-Einteilung gestört wird, geht die innere Uhr falsch. Dies führt zum so genannten Jetlag, dessen Symptome theoretisch durch die Zugabe von Melatonin aufgehoben werden könnten. Halten Sie es im Leben wie beim Tanz: Bleiben Sie im (Bio-)Rhythmus.